Dave - Kinder wohnen mit Menschen / Rainer Pick
Kükenwache  
   
Nachsichtig lächelt Dirk, als ich ihm die zehn Eier überreichte.
Nachsichtig, weil ich hier im Dorf und in der Landwirtschaft erst seit einem Jahr angekommen bin und nachsichtig, weil die Eieranzahl eigentlich jeder bäuerlichen Wirtschaftslehre widerspricht. Auch der Zeitpunkt ist völlig falsch gewählt, denn Hühnereier werden bekanntlich im Frühjahr und nicht kurz vor dem Sommer- Ende ausgebrütet.
 Kükenwache


Aber was soll man schon von jemanden erwarten, der eigentlich nur dadurch gekennzeichnet ist, dass er nette Gedichte und Geschichten schreibt und von der Landwirtschaft im Allgemeinen und der Hühneraufzucht im Besonderen so gut wie keine Ahnung hat.
Die kleinen, krumm und schief angelegten Kräuterbeete im Vorgarten sind voller Überraschungen für die Dorfbevölkerung, denn da wächst etwas!
Petersilie mit Dillbeimengungen in rachitischer Erscheinung. Nichts für den Wochenmarkt! Aber ausreichend für die Hühnerbrühe und die Salzkartoffeln einer kleinen Familie. Beachtlich dabei ist die Tatsache, dass die einjährige Petersilie bei dem Unkundigen bereits im zweiten Jahr auf der gleichen Fläche wächst, was allen gärtnerischen Erfahrungen der sachkundigen Landwirte wiederspricht.
Nun also auch noch die Hühneranzahl durch Kükenaufzucht erhöhen.
Dirk ist einer der drei oder vier Vogelzüchter im Dorf. Außerdem mein Nachbar von der anderen Straßenseite. Seine Vögel machen sich täglich durch metallische Rufe der Pfauen und die dissonanten Töne der übrigen Exoten bemerkbar.
Dirks Vögel brüten nicht mehr selber. Dirks Vögel lassen brüten!
Der Brutofen, ein viereckiger Kasten mit Glasfenster und Einschüben, in denen die Eier aller möglichen Vögel, also auch die meiner beiden Hühner gelagert und bebrütet werden.
Schon rund drei oder vier Wochen später treffe ich Dirk. Im drei Kilometer entfernten Dorf, da wo der eine Edeka- Laden ist. Aus dem heruntergelassenen Fenster erklärt mir Dirk: „ Also 5 Küken sind schon geschlüpft. Eines hat noch das Ei von innen geritzt, da müssen wir noch zwölf Stunden warten. Komm mal morgen Mittag vorbei, wenn es noch etwas geworden ist, dann kannst du 6 Küken mit nach Hause nehmen!“, grient mich an und fährt los.
Da stand ich nun. Im Kopf hämmert es: „Es ist soweit! Nachwuchs! Küken! Kleine Vögel! Hungrig und durstig. Was muss man beachten? Was ist zu tun?“
Schnelle Fahrt nach Hause. Autofenster weit geöffnet, damit der Fahrtwind die heiße Stirn kühlen kann. Meine heiße Stirn. Dahinter rasen nämlich die Gedankenfetzen: Sechs Stück, Körnerfutter, Eierschalen, Wohnzimmer, Rotlichtlampe, Wasser, Petersilie, Leute im Dorf, früher hatten die Nachbarn auf unserem Hof auch Hühner, die Küken waren in einem Holzkasten untergebracht, der war oben offen, mit Draht drauf und Rotlichtlampe ... alte Hühner sind nun Eltern, schon morgen!“
Dann bin ich zu Hause angelangt und beichte alles meiner Frau.
Bei einer Tasse Kaffee erklärt sie mir, dass in der alten Waschküche noch ein großer Karton steht, den können wir als Puppenstube, ähemm als erste Wohnstube für die sechs Küken nehmen. Eine Rotlichtlampe befindet sich in unserer Wohnung ... muss nur gefunden werden. Sofort bin ich unterwegs:
Waschküche. Alter, großer Karton? Ach da! Zwei Fahrräder auf die andere Seite stellen, das alte Sofa in die andere Ecke schieben. Ja, da ist er. Groß genug? Sicher, da passen ja sechs erwachsene Hühner rein. Dann wird’s schon passen, für die kleinen Küken. Nun den Karton entstauben, Spinngewebe entfernen. Hinter dem Karton? Bücher gefunden. Da eines aus meiner Jugendzeit. Ein gutes, altes Bekanntes.
Blättern in meiner Jugendzeit. Noch einmal Kosmonaut sein. Venus besuchen. Spannender roter Fleck dort. Spannendes Ereignis, Lösung aller Fragen rückt näher, Gefahr wird größer, Welt verschwindet ...
„Rainer!“
„Rainer?“
Wie, wo, was? Ach ja, Waschküche, alte. Und Christel, steht in der Haustür und ruft mich. „Wo bleibst du denn?“, fragt sie mich und ahnt wohl schon die Antwort. Ist immer so. Wenn ich ein Buch finde, dann verschwindet die reale Welt. Auch die sechs Küken von morgen. Christel hat längst die Rotlichtlampe gefunden und im Wohnzimmer bereit gestellt. Anschließend hat sie mit unser Nachbarin gesprochen. Die, die in ihrem Leben schon mindestens tausend Küken aufgezogen hat. Christel weiß nun was Küken mögen. Sie klärt auch mich auf. Ein bisschen komme ich mir vor wie damals, als unser erstes Kind auf die Welt kam. Aber nur ein bisschen.
Am nächsten Tag, 12 Uhr Mittags!
Bewaffnet mit dem großen Karton überquere ich die Straße vor dem Haus und nähere mich dem Gehöft, in dem auch der Brutkasten von Dirk steht. Sehr warm scheint die Sonne und ich bekomme feuchte Hände. Angekommen. Schaue mich um. Ach, da kommt Dirk.
“Das wird heute noch nichts. Sechs Stück sind jetzt schon raus, aber da hat noch ein Küken sein Ei von innen angeritzt. Morgen Mittag ist es dann soweit.“
Aha, enttäuschendes Gefühl aber auch Entwarnung. Den Karton würde ich am liebsten hinter meinem Rücken verstecken, als ich wieder zurück kehre.
Christel: „Dann also morgen.“
Ich: „Ja!“
Irgendwie werde ich diesen Tag schon hinter mich bringen.
Am nächsten Tag, vormittags fahren wir zum nächstgrößeren Einkaufsmarkt. Der Wocheneinkauf ist angesagt. Auf dem Zettel mit den Einkaufserinnerungen steht auch Reis. Wir essen eigentlich wenig Reis. Eigentlich ... gar keinen. Aber die Nachbarin hat einen ihrer Geheimtipps abgegeben:
Reis, am besten Milchreis in einer alten Kaffeemühle etwas malen, damit die harte Schale gebrochen wird. Damit hat sie ihre Küken über die ersten Lebensschwellen des Hühnerdaseins gebracht.
Wir kaufen Reis und tauchen zu Hause anschließend wieder in alle Räume, in denen wir unsere alte Kaffeemühle abgelegt haben könnten. Ach da ist sie ja! Wie ein kostbarer Pokal wird sie hoch gehalten. Ist noch „Made in GDR“ ... Und sie funktioniert! Lautes Rasseln verrät etwas von der Umdrehungszahl des rotierenden Messers und den Fluchtbewegungen der Reiskörner an die Außenwand der Kaffeemühle. Nix da! Alle Reiskörnchen werden angemalen.
Wieder ist es 12 Uhr Mittags!
“Das letzte Küken ist noch ein bisschen mickrig! Aber so sind sie immer, wenn sie gerade geschlüpft sind. Es kann auch passieren, dass es nichts wird ... „
Die Übergabe ist erfolgt.
In einem Schuhkarton hat Dirk die Küken untergebracht.
„In deinem Karton würden die sich ja verlaufen!“, kritische Bemerkung von Dirk, die ich unwidersprochen hinnehme. Eine leise piepende, krabbelnde Geräuschkulisse begleitet mich zurück in die Wohnung.
Der Rest des Nachmittags vergeht mit Kükenfernsehen.
Nur Mobby ist eifersüchtig und neugierig. Mobby? Unser Dackel. Gerade etwas älter als ein Jahr und stets darum bemüht nachzuweisen, dass nur er der Richtigste und Wichtigste ist.
Die Küken sind niedlicher. Er spürt das. Er frischt die Erinnerung an sich ständig auf. Aber wir sind ja Familienpsychologen. Also bekommt er seine Streicheleinheiten beim Küken- Kucken. Spät am Abend dann ringen wir uns durch in die Betten zu gehen. Kükens schlafen zum einen Teil, zum anderen werden Pick- und Trinkübungen veranstaltet. Ok, wir gehen jetzt schlafen.
Mit einem Trappeln und Piepsen im Ohr, dass nur von niedlichen kleinen Küken stammen kann, schlafen wir ein.
Es ist um Mitternacht!
Ich höre nichts, bin aber aufgewacht. Aufmerksam lausche ich, denn durch das offenen Schlafzimmerfenster dringen Geräusche. Nachbars Schäferhund bellt.
Was treibt da draußen wohl sein Unheil? Und warum höre ich eigentlich kein Piepsen mehr? Vorsichtig dringe ich in men eigenes Wohnzimmer ein. Nur kein Küken wecken, denke ich dann bin ich drin.
Erschrocken registriere ich: Kein Rotlicht ist zu sehen! Kein Rotlicht?
Ein noch größerer Schrecken erfasst mich. Alle Ratgeber haben davor gewarnt, dass den Küken kalt werden könnte und sie dann sterben würden! Hektisch taste ich nach dem Stecker für die Rotlichtlampe. „Vielleicht hat Christel ihn ja raus gezogen, vielleicht damit die Küken im Dunkel besser schlafen können ?“, denke ich, dann habe ich den Stecker gefunden. Er ist drin und nicht heraus gezogen, wie ich anfangs vermutete. Von den Küken ist nichts zu hören. Noch immer in völlige Dunkelheit gehüllt, ziehe ich den Stecker von der Lampe aus der Dose und stöpsele ihn mühsam wieder ein. Nichts passiert. Noch einmal raus und wieder rein mit dem Ding. Wieder nichts. Langsam dämmert mir eine weitere Möglichkeit. Diese blöde Rotlichtbirne ist kaputt gegangen! Mit der Lampe unterm Arm taste ich mich weiter, bis in die Küche. Dort mache ich erst mal Licht an. Dann probiere ich ein weiteres Mal dieses Rein und Raus mit dem Stecker der Rotlichtlampe an der Dose in der Küche. Wieder keine positive Reaktion der Rotlichtlampe. Verdammt! Die Birne ist wirklich kaputt. Eine Made im Leuchtobst. Mist! Nun einen Ersatz finden. Was mir am Tage schon schwer fällt, nämlich in den Schränken und Regalen von Keller, Stall und alter Waschküche eine Birne für irgendeine Lampe zu finden, die ganz ist und auch noch in dieses Gewinde passt ...
gelingt in der Nacht auf Anhieb.
Schnell mit einer kompletten, aber nicht Rotlicht-, Lampe unter dem Arm zurück in das Wohnzimmer, zum Karton mit den Küken. Stecker rein.
Ja, es wird Licht! Eng aneinander gekuschelt sitzen die kleinen Vögel im Karton. Keiner regt sich. Sorgfältig bringe ich die Lampe in eine wärmespendende Position für die Küken. Die rücken gemeinsam ein bisschen näher. Auch das mickrige kleine.
Der Rest dieser Nacht verläuft stundenweise. Nach dem Ablauf von jeweils 60 Minuten verlasse ich mein warmes Bett und schleiche mich in das Wohnzimmer der Küken.
Manchmal schlafen sie alle und manchmal nur ein Teil, während ein anderer Teil aus dem Wassernapf trinkt und etwas vom gemahlenen Reis oder Haferflocken aufpickt.
Meine Leistungen der dem Morgen folgenden Stunden sind ausgesprochen schlecht. Mittags nicke ich ein und hätte den Rest des Tages verschlafen, wenn da nicht im Wohnzimmer, neben meinem Sessel ein Karton gestanden hätte.
Aus dem klingt eine leise piepende, krabbelnde Geräuschkulisse.

 
He Du da! Ja Du da! Komm wir machen was zusammen.
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