Dave - Kinder wohnen mit Menschen / Rainer Pick

Klaus Wilhelm und Kunibert

 

Klaus-Wilhelm und Kunibert, sein Zottelbär aus Plüsch und sein bester Freund, sitzen im Wohnzimmer vor dem Fernseher.

Der flimmert aber nicht!

 

 „Mutti ist dagegen“, erklärt Klaus-Wilhelm seinem Freund. „Man soll nicht stundenlang vor der Glotze sitzen, hat sie gesagt. Die Erwachsenen sind komisch. ‚Glotze’, wie klingt denn das?“

Klaus-Wilhelm ist richtig empört.
Das Fernsehgucken ist doch prima! Man braucht nichts tun, nur den Knopf auf der Fernbedienung drücken, dann kommt die ganze Welt in die Wohnstube. Ist das nicht prima! Man bekommt keine kalten Füße, wenn es geschneit hat, man wird nicht nass, wenn es regnet. Ja, im Sommer bekommt man nicht einmal einen Sonnenbrand, wenn die Sonne den ganzen Tag ohne Wolkenbrille herum scheint.
Zottelbär sagt noch immer nichts. Er schielt ein wenig, denn das eine Auge, ich glaube es ist das linke, hängt nur noch an einem Faden. Klaus-Wilhelm schaut ihn fragend an.
„Willst du denn gar nichts dazu sagen?“
Mit einer Hand drückt Klaus-Wilhelm ein wenig am Bauch vom Zottelbär.
Da antwortet Zottelbär. „Bähh, bähh!“, klingt es deutlich.
Willst du wissen, was er damit sagen wollte?
Man kann sehr schön Schlitten fahren, den Berg hinaufklettern und dann wie wild wieder hinunter rodeln. Der Wind pfeift einem um die Nase und der Schal, den Mutti dir um den Hals gewickelt hat, winkt mit seinen Zipfeln allen fröhlich zu, die zusehen oder gerade selbst den Berg hinauf krackseln.
Das macht viel Spaß, so lange mindestens, bis die Hände rot und eisig sind und die Nase schneller läuft, als der Schlitten fahren kann.
Oder einen Schneemann bauen! Ja, einen Mann aus Schnee. Drei große Schneekugeln reichen. Eine ganz dicke gilt als Beine. Die nächste, ein bisschen dünner, ist der Bauch. Was fehlt da noch? Richtig: die Birne! Na ja, der Kopf eben. Das ist die kleinste Schneekugel. Jetzt noch schnell die Augen, Mund und Nase. Augen aus Steine oder vielleicht findest du Kohlestücken? Die Nase kann ein alter Ast sein, am schönsten aber ist eine Mohrrübe. Damit der Schneemann nicht erfriert, braucht er noch eine Jacke. Ist natürlich quatsch, denn Schnee ist ja schon kalt, doch es sieht besser aus, wenn der Schneemann etwas angezogen hat. Nimm keine Jacke von Deinem Papa! Erwachsene finden das nie lustig. Nimm einfach wieder ein paar Steinchen. In der Mitte von der zweiten Kugel, der Bauch, wie du ja weißt, von oben bis nach unten steckst du die Steinchen in den Schneebauch, dann denkt man von weitem, das ist ein Reißverschluss. Wahrscheinlich hat der Schneemann eine Jacke oder einen Anorak an.
Gib dem Schneemann etwas in die Hand. Einen Besen vielleicht. Du machst einfach ein Loch in den Schneearm von dem dicken Mann, da steckst du den Besenstiel hindurch. Schon sieht es so aus, als ob der Schneemann gerade eine Pause vom Schneefegen macht.
Vati und Mutti nimm einfach mit. Die können ja auch ruhig mal etwas Vernünftiges tun.
Oder nehme Atze mit.
Atze wohnt im Plattenbau. Seine Wohnung ist chic. Er hat sein eigenes Zimmer, na ja, er ist ein Einzelkind. Weil er keinen Bruder hat, hat er dich als Freund. Freund sein ist toll, einen Freund haben auch. Was mit Vati und Mutti oder dem großen Bruder nicht erzählt werden kann, das machst du mit dem Freund. Die ganz viel geheimen Sachen kann man sich erzählen. Auch Abenteuer erleben.
„Na dann erzähl mir doch mal eins!“, fordert Klaus-Wilhelm seinen Zottelbären auf und drückt noch einmal fest auf dessen Bauch.
„Bääähhh!“, macht Kunibert.
Ganz lang zieht sich sein Rufen, laut und lang, fast klingt es nun so, als ob ein Echo antwortet. Noch einmal macht es: „Bääähhh, bääähhh, bääähhh!“
In Abständen. Eine ganze Minute liegt zwischen den einzelnen Bäh.
Das Wohnzimmer ist nicht mehr da. Hat sich aufgelöst. In Luft? Nein, es qualmt ja noch, dichter Rauch zieht in Schwaden um Klaus-Wilhelm und Kunibert herum.
„Qualmst du?“, fragt Klaus- Wilhelm in Richtung Kunibert.
Doch der quäkt nur leise, vielleicht ist es auch ein leises Brummen, aber rauchen tut er nicht. Mit dem gesunden Auge sieht er aufmerksam in eine Ecke. Jedenfalls war da vorher noch eine Ecke vom Wohnzimmer. Jetzt ist nur ein Loch an der Stelle. Groß, rund und schwarz ist es. Schwarz aber nur, weil kein Sonnenlicht hineinscheint. Obwohl die Sonne vor der Höhle einen schönen hellen Kreis malt, kommt sie nicht in die Höhle rein. Ja, das Loch ist eine Höhle. Die Sonnenstrahlen können nur gerade, aber nicht krumm scheinen. In die Höhle leuchten kann nur Klaus-Wilhelm. In seiner rechten Hand hält er Kunibert ganz fest an sich gedrückt, in seiner anderen Hand, eine Taschenlampe. Aha! Ja, damit kann man in das dunkle Loch rein strahlen. Dort wird es hell.
„Hallo! Mach mal die Taschenleuchte zu Seite, der Strahl blendet so“, hört Klaus-Wilhelm und lenkt auch gleich, er ist ja ein höflicher Junge, den Taschenlampenstrahl zur Seite.
Die Stimme klingt schon fast erwachsen …, denkt Klaus-Wilhelm und ist richtig neugierig, wer da wohl in der Höhle wohnt.
„Kannst du denn aus der Höhle raus? Oder bist du festgebunden?“, fragt er. „Wer soll mich denn festbinden?“, antwortet die Stimme und dann ertönt ein Quietschen, als ob Eisen und Stein aneinander reiben.
So ein Knirschquietschen ist das. Klaus-Wilhelm bekommt eine kleine Gänsehaut. Lauter kleine Hügelchen auf der Haut, als wenn es zu kalt ist. Dann sieht er endlich, wer der Höhlenbewohner ist, der nun in die Sonne vor der Höhle kommt.
„Bevor du mich fragst; ja ich bin ein Tauchboot, du kannst auch kleines U-Boot zu mir sagen!“, bekräftigend nickt das rote Blechding Klaus-Wilhelm zu.
„Ja, aber…“, stammelt Klaus-Wilhelm und drückt Kunibert noch dichter an seine Seite. „Ja, aber wie kommst du denn in eine Höhle? An Land? Du gehörst doch ins Wasser, in einen See oder in ein Meer sogar“, ruft Klaus-Wilhelm, denn im Fernsehen hatte er schon einmal so ein kleines U-Boot gesehen.
„Lass mich doch erst mal zur Ruhe kommen, die Sonne muss meine Batterien auffüllen, also setze ich mich hier hin und am Besten ist es, wenn du dich hier neben mich setzt. Bring deinen Zottelbären mit. Ich beiße ganz bestimmt nicht und meine Greifer auch nicht, hier vorne sind sie.!“ , sagt das U-Boot und hebt zwei eiserne, mit Gelenken versehene Arme an denen ganz vorn, da wo der Mensch seine Hand und die Finger hat, so etwas wie Kneifzangen angebaut sind. „Die brauche ich nur unter Wasser“, fährt das U-Boot fort: „Wenn meine Forscher eine Probe vom Korallenriff oder sogar vom Meeresboden aufheben wollen.“
Mit einem eisernen Ächzen verharrt das U-Boot am Rande des Sonnenkreises vor der Höhle. Als ob es sich besonders wohl fühlt, dreht es seinen Rücken oder seine Rückseite, das kann man sagen wie man will, hin und her, es räkelt sich im Sonnenlicht.
„Ach ja!“, schnurrt es nun leise und behaglich. „Ach ja, so ist es schön! Warum setzt du dich nicht zu mir? Dann kann ich dir alles erklären.“
Klaus-Wilhelm setzt sich neben das eiserne Ding. Das schaut ihn mit drei Scheinwerferaugen an. Die sind aber nicht angeschaltet, nur alle drei scheinen auf Klaus-Wilhelm und Kunibert gerichtet zu sein. Kunibert gibt ein leises Bäh von sich, das soll wohl heißen, dass sich Klaus-Wilhelm ohne Angst zu dem Eisendings setzen kann.
„Ich war auf einem großen Schiff, an einem bestimmten Platz fest mit dicken Seilen angebunden. So ungefähr in der Mitte. Wenn das große Schiff an der Stelle war, zu der es fahren sollte, dann sind zwei bärtige Forscher durch die Luke da oben“, das kleine U-Boot klappert laut mit einem Deckel auf seinem Rücken, „also da oben sind sie eingestiegen und haben den Deckel fest verschlossen. Dann hob mich ein Bordkran, so heißen die Dinger, mit denen die schweren Sachen angehoben und an einer anderen Stelle auf dem großen Schiff wieder abgesetzt werden, hoch und hat mich langsam in das Meer hinuntergelassen.
Immer weiter, bis auf den Sand, ganz unten. Der Kran hat losgelassen und kein Strick verband mich mehr mit dem Schiff. Die beiden Forscher wuselten in meinem Bauch und störten mich nur wenig. Wir fuhren unter Wasser herum und sahen mal einen bunten Fisch und mal besonders interessante Steine. Im Wasser sahen die Steine besonders gut aus, ihre Farben sind kräftiger, ja klarer, als an der Luft. Aber die Fische kann man da unten auch besser erkennen. Hin und her geht die Fahrt, bis wir auf dieses Feuer unter Wasser gestoßen sind.“
„Feuer unter Wasser? Das kann ja gar nicht brennen! Das braucht doch Luft!“, ruft Klaus- Wilhelm ziemlich aufgeregt.
„Du kannst mir glauben“, versichert das kleine U- Boot und erzählt weiter „Das war ein richtiges Feuer, heiße, rote, weiße und blaue Flammen schossen aus dem kleinen Berg. Es war ein Vulkan, der unter Wasser seine Glut ausgespukt hatte.“
„Na ja, du kannst mir ja viel erzählen! Das kann ich ja überhaupt nicht überprüfen!“, ruft Klaus- Wilhelm aus und Kunibert bäht, dabei schaukelt sein linkes Auge, das am langen Faden hängt, bestätigend in und her.
„Was meinst du wohl, wie ich hier in diese Höhle gekommen bin?“, fragt das kleine U- Boot, nun schon ein bisschen sauer, weil Klaus- Wilhelm ihm nicht glauben will. „Ich bin doch ein U- Boot. Das gehört ins Wasser. Hast du selber gesagt. Und wo hast du mich gefunden? Richtig. Auf dem Trockenen. In dieser Höhle! Was meinst du also?“. Klaus- Wilhelm schaut noch immer ein bisschen ungläubig, einmal auf Kunibert, was der wohl dazu meint und dann wieder auf das kleine, empörte U- Boot. „Na los, dann erzähl mal weiter!“, fordert er, denn Kunibert sagt nichts.
„Also gut, erzähl ich weiter, meine beiden Forscher waren begeistert von dem feurigen Wasserspiel vor meinen Bullaugen. Mit den Greifern holten sie allerhand Sachen ins Boot. Steine, die noch ganz heiß und blasig waren, lange Pflanzen, die nur unter Wasser wachsen, die heißen wohl so ähnlich wie Algen oder so… Jedes Mal, wenn sie eine neue Sache in das Boot hinein bekamen, freuten sie sich laut und unterhielten sich aufgeregt. Dabei merkten sie nicht, dass der kleine Feuerberg langsam immer größer wurde. Der spuckte immer mehr Feuer aus seinem oberen Teil, denn eine Spitze hatte er nicht. Immer döller sprudelte das Wasser ringsum, der Dampfnebel wurde breiter und breiter, ich konnte das Feuer nur zwischendurch blitzen sehen. Dann stieg der kleine Vulkan hoch. Er wurde größer und größer, als ob ein Riese mit seiner Faust von unten nach oben drückte. Endlich bekamen das auch meine beiden Forscher mit. Aufgeregt sprachen sie miteinander und zogen sich dann die Taucheranzüge an. Da verstand ich es. Sie wollten sich die Sache von draußen ansehen, sozusagen mit eigenen Augen, obwohl sie noch die Brillen aufsetzen mussten. Aber das war mir eigentlich egal. Ich kann sehr gut auch ohne  Fahrgäste auskommen. Vielleicht schwimm ich ja mal um diesen Feuerberg herum, dachte ich noch, dann war ich alleine. Vor meinen Bullaugen verschwanden die beiden Forscher  hinter der Dampf- und Feuerwand. Ich begann meine Runde zu drehen.“
„Und?“, Klaus- Wilhelm hoppelt aufgeregt neben dem kleinen U- Boot. „Was hast du gesehen?“ Zufrieden mit der Wirkung seiner Erzählung auf seine Zuhörer erzählt es weiter: „Nahe am Vulkan war kein Fisch mehr zu sehen. Die hielten Abstand, im kühleren Wasser. Viele Blasen sprudelten im Scheinwerferlicht. Feuer spuckte der Vulkan immer wieder, mal etwas weniger, da dachte ich schon es geht zu Ende, dann aber wieder döller und döller, ein mächtig gewaltiger Feuerstrom quoll heraus. Ich kann ja Wärme gut vertragen, deswegen bin ich noch ein bisschen dichter an den Vulkan herangeschwommen. Es war schön warm. Beinahe schon heiß. Gerade will ich wieder ein Stückchen weg schwimmen, denn da draußen grollte es immer lauter, es blubberte und grummelte wie wild. Da fing der kleine Vulkan an zu wachsen. Jetzt war es aber nicht nur eine Riesenfaust, die den Berg nach oben drückte, es müssen ganz viel gewesen sein. Überall, vor mir, hinter mir und ringsherum kam der Meeresboden mir entgegen. Schnell sah ich mich nach meinen Forschern um, die waren aber nicht zu sehen. Dann saß ich auf dem Boden fest, wie einer, der im Fahrstuhl sitzt und nicht mehr hoch kommt, weil der so schnell nach oben fährt, dass er es nicht schafft. Der Fahrstuhl, ach nein der Meeresboden stieg genauso schnell nach oben, dass ich nicht mehr wegkam. Unterwegs muss irgendetwas meine Batterien entladen haben, denn ich konnte auf einmal nichts mehr sehen und spüren. Alles wurde schwarz um mich herum. Dann verschwand das Wasser. Wie lange ich dann in dieser Höhle gesteckt habe weiß ich nicht. Meine Uhr braucht ja Strom und der war weg. Ich wurde erst wieder wach, als mich der Strahl deiner Taschenlampe traf. Der weckte mich sozusagen.“
***
Kunibert macht wieder so ein Geräusch. „Bähh, bähh“, klingt es aus seinem Bauch. Klaus- Wilhelm sieht sich um. Sein bester Freund Kunibert und er sitzen im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Noch immer flimmert er nicht. Die Ecke vom Wohnzimmer ist wieder ganz so, wie sie immer war.
„Ich werde Mutti fragen, ob sie dein Auge wieder reparieren kann, gleich wenn sie von der Arbeit kommt. Versprochen!“, erklärt Klaus- Wilhelm und drückt Kunibert fest an sich. Da ist es wieder, dieses Geräusch, es klingt wie dieses Bäh,bäh.
 
He Du da! Ja Du da! Komm wir machen was zusammen.
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