Dave - Kinder wohnen mit Menschen / Rainer Pick

Karierte Maiglöckchen

 

 

Seit mehr als drei Jahren wohnen wir hier. Hier ist weit im Osten von Germany. In Penkun. Wir, das ist mein Buchpapi, seine Frau und Mobby, der Hausdackel. Ich bin auch dabei. Dave heiße ich, bin 12 Jahre alt, schon seit ein paar Jahren. Ich sage dir später mal, wo du mich im Internet finden kannst.
 

 Unsere neue Stadt ist schön, schön klein und schön bunt. Besonders auf dem Schlosshof, wenn die vielen Besucher, ob mit dem Fahrrad auf dem Weg von Bayern zur Ostsee oder auf der Sommerwanderschaft, sich dort treffen und mit den Kilometern prahlen, die sie schon geschafft oder noch schaffen wollen. Das Gewimmel ist nicht nur bunt, sondern auch interessant. Doch Schotten habe ich hier noch nicht gesehen. Die sind aber hier wichtig! So hat es mir jedenfalls der Chef von der Stadt erzählt. Der ist ein Meister, ein Bürgermeister. Er braucht die Schotten oder wenigstens einen.
Das hat mich interessiert.
Die tragen doch Röcke? Auch oder gerade die Männer! Unter dem Schottenrock soll ja nicht allzu viel zu finden sein? Aber kariert muss er, der Schottenrock sein, so jedenfalls die Volksmeinung.
Ob nach diesem harten und langen Winter ein Schotte bis nach Vorpommern finden wird? Ohne etwas darunter, bei minus 10 Grad Celsius?
Wir brauchten mindestens einen, der nicht nur Schotte ist, sondern auch reich an Finanzen.
Alle Schotten sind reich! Sie sind ja auch geizig! Das weiß doch jeder hier.
Unsere Regierung hat ja für die Schotten einen neuen Namen gefunden. Sie nennt sie, die Schotten, jetzt Investoren. Das sagt der Bürgermeister auch.
Ich hätte da lieber einen anderen Namen gewählt, schließlich ist das Wort „Tor“ nicht nur darin enthalten, sondern von ganz anderer Bedeutung, als es die Fußballfans meinen.
Das sollte ja wohl den Schotten bekannt sein, oder?
In unserer Stadt steht ein schickes Schloss. Einen Besitzer im Sinne eines Hausherren gibt es nicht. Inmitten des zauberhaften Schlossparks, am Rande des Stadtkernes, überragt es die uralten Linden und Buchen, ja sogar die Neubauten aus der DDR- Zeit. Nicht bedrohlich oder schrecklich, eher freundlich lächelnd wie ein gütiger Lehrer, der den spielenden Schulkindern auf dem Schulhof zusieht.
Gleich in der Nähe spiegeln sich die Wellen des großen Schloss-Sees, mal spielerisch an den Uferrand schwabbelnd, mal aufgewühlt, weil die Winde ihnen keine Ruhe lassen. In was spiegeln sich die Wellen?
Die Angler haben sehr gesicherte Kenntnisse, wie sie Angler immer haben, dass Welse, Karpfen und Zander in ungeahnter Größe dort im See wohnen und ihnen beinahe das große Jagdglück beschert hätten, wenn ... ja, wenn nicht die Schnur zerrissen oder ein Schmetterling zu unrechter Zeit den Bissanzeiger bewegt hätte. Oder der Wind von der falschen Seite blies, ein Marienkäfer am Ufer zur gleichen Zeit einen Baum gefällt hätte, oder, oder, oder. Ja, ja die Angler haben auch etwas von den Schotten, mit Sicherheit genauso viel Fantasie. Nur nichts von deren finanzieller Potenz und nur die Anglerinnen tragen manches Mal noch einen Rock. Männliche deutsche Angler nie!
Das stört jedoch den anderen Turm vom Penkuner Schloss überhaupt nicht. Ja, dieses Schloss hat zwei Wachtürme! Was die Menschen damals, also um 1478, alles schon bauen konnten! Drei Geschosse hoch und drei Flügel hat unser Schloss, in den 44 Räumen tummelten sich eine Menge adliger Leute. Adlig? Na ja, das sind Leute mit einem „von“ vor ihrem Nachnamen. Herzöge waren das, in unserem Schloss. Pommernherzöge, darunter der Borgislaw der X., ein Hauptmann von der Schulenburg, der das Schloss einem anderen Adligen, nämlich dem Henning von der Osten, 1614 einfach verkaufte. Irgendwo war der auch ein Hauptmann.
Für die 190 Fenster brauchte der bestimmt eine Menge Gebäudereiniger. Auch für die Reinigung von 1720 Quadratmeter Fläche. Boa, wenn ich alleine an die Kosten für Bohnerwachs denke, aber ich weiß es nicht genau, ob es so etwas damals schon gab?
Irgendwie hat es dann die DDR und die Zeit nach der Wende 1989 geschafft, dass das Schloss langsam aber sicher auseinanderfallen wollte. Keiner wohnte da so richtig, keiner kümmerte sich um die Maiglöckchen auf der Grünfläche, ja auch nicht um die karierten.
Da wurde es Zeit, dass sich die Bürgerlichen aus Penkun um das Schloss kümmerten. Es war ja kein Adliger mehr da!
Also sanierten und renovierten und finanzierten die Bürger von Penkun das Schloss. Es wurde dann einfach ihr Schloss.
Bald war von der Baufälligkeit nichts mehr zu sehen. Sein Kopf, ähemm, das Dach ist wieder schön und dicht. Kein Tropfen Regenwasser kommt mehr hinein. Auch sonst ist es wieder so fest gebaut, dass kein Mäuschen mehr hineinkann. Wenn es eines es mal schafft, da hineinzuhuschen, dann sorgen die Katzen, die sich da richtig wohl fühlen, dafür, dass die Mäuseinwohner nur kurze Zeit im Schloss leben können.
Aber so ein Schloss braucht eine Menge Menschen, die sich darin wohl fühlen wollen, denn kein Haus, auch kein so großes, wie unser Schloss, kann ohne Menschen erhalten bleiben. Deshalb kümmert sich ein Verein um das Innenleben von dem Schloss. Sie führen Besucher durch seine Gemächer und Geschichte. Sie eröffnen Ausstellungen berühmter Künstler oder von Künstlern, die bestimmt noch berühmt werden. Manche Künstler lesen ihre selbstgemachten Geschichten vor oder spielen Instrumente und singen. Andere Künstler haben eine Menge Fotos gemacht und wissen nicht mehr wohin damit. Wahrscheinlich haben sie in ihrer Wohnung schon alle Wände voll gehängt und nutzen nun die Wände im Schloss oder im nahe gelegenen Museum. Andere Künstler haben Bilder gemalt. Wunderbare bunte, ja auch ein Bild mit karierten Maiglöckchen ist darunter.
Mir aber gefällt besonders die große Küche. Überall hängen Kellen und andere Geräte herum, mit denen die Leute hier schon mehr als hundert Jahre für die Bewohner kochten. In der Mitte der Küche steht ein riesiger Kochherd. Der sieht echt prima aus.
An einer Seite steht heute eine kleine Kaffeemaschine, damit die Konzert- und Lesungsbesucher einen Kaffee trinken können.
Auf dem riesigen Hof, mit einer alten Linde in der Mitte, machen alle Pause oder parken, wenn sie durch den gemauerten Rundbogen passen, der die Hofeinfahrt bildet. Da wird oft gefeiert.
Die große Schallmeinkapelle, in der ganz viele Generationen der Penkuner Familien den Gästen etwas blasen, ist genauso oft dabei, wie die „Kameräder“ von der Feuerwehr. Es gab schon richtig große Theateraufführungen, da wurden viele Penkuner zu Schauspielern. Aber die sind das ja schon gewöhnt. Zum Beispiel durch den Karnevalsverein und das Krippenspiel zur Weihnachtszeit.
Es sind immer schöne Feste. Da kommen auch die Leute aus den Dörfern her, manche auch aus Köln, Hamburg und München. Einen habe ich im letzten Jahr bei einem Fest getroffen, der sprach ganz seltsam, aber es war deutsch. Er erzählte, dass er aus Basel kommt. Das ist da irgendwo, hinter Deutschland.
Leider habe ich noch immer keinen Schotten angetroffen. Dem hätte ich die ganze Geschichte gerne noch einmal erzählt.
Wenn es im Mai passiert, dann kann ich ihm auch die karierten Maiglöckchen auf der Wiese zeigen. Aber, das muss ich mir noch überlegen, denn, wenn er auf der Wiese steht und seinen karierten Rock angezogen hat, dann ist er mitten in den karierten Maiglöckchen wahrscheinlich überhaupt nicht zu erkennen ...
 

 
   
He Du da! Ja Du da! Komm wir machen was zusammen.
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