Dave - Kinder wohnen mit Menschen / Rainer Pick

Erhard, der Füllfederhalter

 

„Jeden Morgen der gleiche Stress!“, so wettert Erhard, der Füllfederhalter. Nur, weil er jeden Schultag, in der Frühe, kurz vor der ersten Stunde, neben dem Bleistift aus der Federtasche geholt wird. Elke legt ihre Schreibsachen immer vor sich auf die Schulbank. Wenn sie keine Lust mehr hat, aufmerksam dem Unterricht zu folgen, beginnt sie mit dem Füller und dem Bleistift zu spielen. Meistens spielt sie mit den Beiden als ob sie ein Burgfräulein ist, das richtig fechten kann. Füller und Bleistift sind dabei die Säbel, scharf und gefährlich, wie in den Händen von Raubrittern oder Gespenstern in längst vergangener Zeit.

 Dave besucht die Saurier

Erhard aber will das nicht!

„Ich bin ein Füller für vorbildliche Schüler und kein Spielzeug.“, klappert er mit seiner Schraubhülse. Aber Elke versteht ihn nicht. Dass der Füller klappert, so glaubt sie jedenfalls, liegt an der losen Schraube, oben an der Spitze. Also lässt sie den Fechtkampf zwischen Bleistift und Füller zu Gunsten des Bleistiftes ausgehen und schraubt erst mal die lose Schraube wieder fest. Damit aber macht sie dem stolzen Füller überhaupt keine Freude. Er will doch nicht verlieren! Wütend zischt er. Aus seiner gespaltenen Messingfeder schießt ein feiner, aber sehr blauer Strahl. Tinte!

„Ihhhh!!“ schreit Elke entsetzt los und hält total erschrocken ihre blauen Finger in die Höhe. Da aber gerade die Stunde zu Ende ist und alle Kinder wild durcheinander erzählen und die Lehrerin längst die Klasse verlassen hat, fällt es keinem auf. Klappernd fliegt der Füller auf die Tischplatte. Schnell tragen die Füße Elke in den Waschraum, wo sie mit Wasser und Seife versucht, die blauen Finger wieder sauber zu bekommen. Das ist die Gelegenheit für Erhard, Elke zu entwischen. Flugs kullert er von der Schreibtischplatte. Klappernd kullert er zwischen den Füßen der herumtollenden Kinder hin und her.

Er hatte ja nicht geahnt, dass er auf dem Fußboden in Lebensgefahr geraten könnte. Wilde Kinderfüße mit festen Lederschuhen oder wenigstens mit Schuhsohlen aus Leder trampeln dicht um ihn herum. Wenn nur eine Sohle mich trifft, dann ist es aus!, denkt sich Erhard mit Schrecken. Schnell rollt er an die Wand des Klassenzimmers und verschnauft erschöpft. „Puhh, das war ja gerade noch einmal gut gegangen.“

Er fasst, nach der kurzen Verschnaufpause einen Entschluss. „Ich werde alle Kinder hier so richtig ärgern. Sie sind nicht immer aufmerksam, sie sind nicht immer vorbildlich, nicht immer still und leise, wie sie es sein sollen. Darum haben sie Ärger verdient.“ Entschlossen presst Erhard die Feder an der Außenkappe. „Jetzt geht es los!“, brummelt er entschlossen und macht sich kullernd und schlingernd auf den Weg. Wohin will er nur? Zum Ausgang aus dem Klassenzimmer? Nein! Da geht es nicht hin. Zum Lehrertisch? Ja, zum Lehrertisch!

Gerade liegt er vor dem Lehrertisch, zwischen dem Stuhl für den Lehrer und dem Tisch, da klingelt es. „Klllliirrr!!“, scheppert die Pausenklingel, dann betritt Frau Kluge, die Lehrerin die Klasse. Alle Kinder haben sich schon still hingesetzt, denn Frau Kluge mag eine ruhige Klasse und die Kinder mögen Frau Kluge. „Was machst du denn hier?“, fragt da auch schon Frau Kluge, denn sie hat Erhard entdeckt, bevor sie mit dem Stöckelschuh gefährlich nahe an den Füller herangetreten war. Schon hat sie sich gebückt und ihn aufgehoben. Hoch in ihrer linken Hand hält sie ihn, tritt vor die Klasse und fragt: „Hallo, wem gehört dieser Füller?“

Doch bevor Elke sich melden kann, verschwindet Erhard. Ist ganz plötzlich nicht mehr zu sehen. Ja, Erhard hat in den vielen Jahren an der Schule auch etwas gelernt. Er kann ein wenig zaubern. So funktioniert das „Unsichtbarmachen“ ganz gut. Nur leise, so dass es keiner, auch nicht Frau Kluge hören konnte, hat er geflüstert: „Simsilibims, sisilibums, weg ist der Füller, krach und bums!“

Weil er unsichtbar war, konnte ihn auch Elke nicht erkennen, die Kinder schauten alle ziemlich verblüfft auf Frau Kluges Hand, in der ja nichts zu sehen war. „Was will sie nur? Kann sie nicht sehen, dass sie gar nichts in der Hand hat?“, fragten sich die Kinder, aber nur leise. Weil sich keiner meldete, legte Frau Kluge Erhard auf den Lehrertisch und vergaß ihn sogleich, denn zu sehen war er ja ohnehin nicht. So konnte sich Erhard in Ruhe überlegen, wie er den Kindern Böses tun kann. Der Unterricht verlief in dieser Stunde ruhig und machte der Lehrerin und den Kindern Spaß.

Kurz vor dem Ende der Stunde meinte Frau Kluge daher: „So, meine lieben Kinder, weil ihr heute so fleißig mitgearbeitet und so klug mitgedacht habt, bekommt ihr eine Urkunde von mir. Die könnt ihr dann im Klassenzimmer aufhängen und allen Besuchern zeigen. Wenn ihr wollt, könnt ihr damit sogar richtig angeben!“ Dann legte sie ein sauberes Blatt Papier vor sich hin und begann zu schreiben. „Die Kinder der Klasse, in der ich heute den Unterricht leiten durfte, haben vorbildlich, mir und sich zur Freude, eine tolle Unterrichtsstunde …“

„Huch!“, ruft sie plötzlich aufgeregt, ohne den Satz, den sie gerade schreiben wollte zu beenden. „Huch!!“, riefen, wie aus einem Munde, auch die Kinder der Klasse. Alle konnten es genau beobachten: Ein dicker, blauer, ja sogar tiefblauer Fleck breitete sich auf dem wunderschönen, sauberen Papier, auf der Urkunde, die die Kinder doch an die Kassenzimmerwand hängen sollten, am Ende des zuletzt geschriebenen Wortes aus. Immer breiter, nach allen Seiten hin, floss der Fleck und bedeckte jedes der lobenden, gerade geschriebenen Worte. Draußen hörten die Jungen und Mädchen, wie die Vögel zwitscherten. Na, die haben ja auch nicht das Problem, das wir haben, dachten sich einige der Kinder. Die Frau Kluge hob die begonnene Urkunde hoch. Nun konnten es alle Kinder sehen, der blaue Tintenklecks hat die ganze Urkunde bedeckt. Keines der lobenden Worte war mehr zu lesen.

„Ja Kinder, ich habe jetzt gar kein neues Blatt mehr für die Urkunde und außerdem beginnt gleich die nächste Stunde und da muss ich in eine andere Klasse. Was machen wir bloß?“ Ja, das war die Frage. Aber den Kindern fiel schnell eine Lösung ein. Jenny rief: „Wir nehmen einen Tintenkiller. Damit geht der Fleck schnell wieder weg!“, und kramte in ihrer Schultasche. Aber so schlau war Erhard auch, mit seinem Zauber hatte er alle Tintenkiller in der Klasse hinaus gezaubert. Die Vögel auf den Bäumen vom Schulhof hatten deshalb so laut mit dem Zwitschern begonnen, weil in jedem Nest plötzlich ein Tintenkiller lag. Sie meinten wohl, dass ihnen jemand ein Geschenk gemacht hatte.

„Miau, miau“, mauzte da plötzlich eine Gestalt in einem der offenen Fenster. Eine Katze mit einem Cape wie Superman stand fast schon in der Klasse. „Ein böser Füller hat euch gefoppt!“, miaut die Katze und springt auf den Lehrertisch. Frau Kluge ruft erschrocken: „Huch!“ Aber die Katze tut ihr nichts. Sie öffnet ihr Maul und leckt, ratz, fatz einmal über die bekleckerte Urkunde. Erhard erstarrt vor Schreck und wird wieder sichtbar. Auch der Tintenfleck auf der Urkunde verschwindet und Elke, die ja gleich vorn am Lehrertisch sitzt, hat sich auch schon Erhard geschnappt und in ihre Federtasche gesteckt. Froh hält Frau Kluge die Urkunde in die Höhe. Da, alle Kinder können es sehen. Mit sauberer Schrift stehen lobende Worte auf der Urkunde. Ohne jeden Tintenklecks.

Erhard in der Federtasche murmelt nur noch zum Bleistift: „Wenn Elke noch einmal mit uns, wie mit Säbeln fechtet, dann kleckse ich die ganze Schule voll!“  

 
   
He Du da! Ja Du da! Komm wir machen was zusammen.
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