Dave - Kinder wohnen mit Menschen / Rainer Pick
Soziales  
Papi hat mit seinem Schreiben eine Menge Geld bekommen. Jetzt braucht er nicht mehr im Arbeitszimmer auf dem Sesselrand zu sitzen, wenn er schreibt, sondern kann zu mir ins Wohnzimmer kommen. Ich sitze dann mit der Play-Station am Fernseher und er schreibt ganz gemütlich auf dem Sofa. Dann sprechen wir auch gleich über das was er gerade geschrieben hat. Heute schreibt er über unser letztes Wochenende. Wir waren am Sonnabend im Obdachlosenheim.  Soziales

Ja, auch Schwedt/Oder hat so ein Heim. Und da wohnen nicht nur schlechte Menschen. Da habe ich Gerda kennen gelernt.

Gerda

ist ein Mädchen, sie hat lange blonde Haare und wohnt hier mit ihrer Mutti und den beiden Brüdern. Sie wohnt in der „Platte“. Und da will sie auch bleiben. Im Obdachlosenheim haben sie aber Bekannte, mit denen sie sich öfter treffen. Außerdem wären sie beinahe selber Bewohner des Obdachlosenheims geworden.

„Wie ist das denn gekommen“, habe ich sie gefragt. Und da hat sie mir alles erzählt. Zuerst war da noch der Vati. Mutti und ihr Vati hatten Arbeit und bekamen jeden Monat genug Geld zusammen. Davon haben sie erst immer die Miete bezahlt und dann das Essen und das Geld für das Auto war auch immer noch vorhanden. Sie sind damals viel verreist und haben die anderen Städte in Deutschland besucht, sogar in München waren sie einmal. Aber Gerda hat die Leute da nicht immer richtig verstanden und ihr Vati hat ihr gesagt, dass die Leuten in München fast alle bayrisch sprechen, das ist so ähnlich wie sächsisch, bloß anders. Jedenfalls nicht so, wie bei uns. Wenige Wochen nachdem sie wieder zu Hause angekommen sind, wurde Gerda´s Papa krank. Viele Wochen musste er im Krankenhaus liegen, konnte nicht arbeiten und die übrige Familie kam jeden Tag zu ihm ins Krankenhaus. Die Mutti von Gerda hat dann noch öfter mit dem Doktor gesprochen und ist immer traurig wieder zurück gekommen. Dann kam ein ganz schlimmer Tag. Da ist ihr Vati gestorben. Die ganze Familie hat geweint und auch die Freunde, die kamen, waren traurig. Nicht lange nach der Beerdigung hat die Mutti von Gerda dann begonnen, den ganzen Tag zu arbeiten. „Damit genug Geld da ist“, hat sie ihren Kindern gesagt. Die haben dann den Haushalt „geschmissen“. Einkaufen und die Wohnung sauber machen, auch Essen kochen und für die Brüder und die Mutti auf den Tisch stellen, war die Aufgabe von Gerda. Aber das Geld hat nicht gereicht. Immer öfter hat Gerda´s Mutti gesagt: „ Wir müssen was Billiges kaufen, dafür langt es nicht.“. Abends saß die Mutti von Gerda oft alleine im Wohnzimmer und rechnete. Der ganze Tisch lag voller Zettel und der kleine Tischrechner ratterte ständig. Wenn Gerda dann in das Zimmer kam, war ihre Mutti oft gereizt und hat sie wieder weg geschickt. Aber Gerda hatte sich Sorgen gemacht, sie wollte wissen, was los ist und was gemacht werden kann, damit es wieder wie früher wird.

Doch ihre Mutti sagte ihr nichts. Sie ging auch nicht mehr gerne an den Briefkasten. Früher hat sie alle Briefe vorgelesen, die von den Freunden und Verwandten geschickt wurden. Heute verbot sie Gerda und den Jungen den Briefkasten zu öffnen und die Post herauszuholen, das wolle sie selber machen. Oft ging sie erst ganz spät hinunter, um die Post zu holen und vorgelesen hat sie gar nichts mehr. Manche Briefe lagen lange ungeöffnet im Küchenschrank. Gerda fand sie dann, wenn sie das Geschirr wieder in den Schrank räumte. Gerda lernte auch sparsam zu wirtschaften, sie fand das Reinigungsmittel, mit dem man alles waschen und putzen konnte und dass weniger kostete, als das bisher benutzte. Ihre Mutti hatte sich gefreut und Gerda in den Arm genommen. „Es wird schon wieder alles gut werden.“, sagte sie dann und holte tief Luft. Aber es wurde nicht besser. Dann kamen die Besucher. Während der Briefstapel immer mehr anwuchs, waren immer öfter fremde Leute an der Wohnungstür. Schon drei Mal hatte Gerda der Frau, die geklingelt hatte, gesagt, dass die Mutti erst spät am Abend wieder nach Hause kommt. Ihre Mutti hatte nur abgewinkt, am Abend als sie wieder zu Hause war. Aber dann hatte es wieder an der Tür geklingelt und die Frau vom Nachmittag saß dann bald mit Gerdas Mutter im Wohnzimmer. Gerdas Mutti hatte Gerda und die Jungs in ihre Zimmer geschickt und Gerda konnte nur das Stimmgemurmel hören, aber nicht verstehen. An diesem Abend ist ihre Mutti noch einmal los gegangen und kam erst spät wieder. Sie hatte getrunken. Gerda konnte es noch riechen, als sie in der Nacht zur Toilette ging. Die Mutti lag im Wohnzimmer auf der Couch. Wochen später hatte der Briefbote Gerda einen Brief übergeben. Gerda musste unterschreiben. Den Brief legte sie im Wohnzimmer auf den Tisch. Vorher hat sie ihn aufgemacht. Da standen schlimme Sachen drin. Wenn die Mutti keine Miete mehr einzahlt, dann wird die Wohnung geräumt. Das konnte Gerda nicht verstehen. Es ist war doch unsere Wohnung, unser Heim, hier sind wir alle aufgewachsen, hierher sind wir geflüchtet, wenn einer unsere Streiche entdeckte, jeder hatte sein Zimmer , in das er sich zurück ziehen konnte, wenn er alleine sein wollte. In Gerdas Zimmer hingen die Poster von Nicki und Heinz Rudolf Kunze, bei den Jungs Grönemeyer und Manfred Krug. Wenn Gerda aus ihrem Zimmerfenster guckte, dann konnte sie in jedem Frühjahr die Meisen im Baum beobachten, die ihr Nest bauten und die Jungen darin aufzogen. Wenn Gerda ganz traurig war, dann legte sie sich in ihrem Zimmer auf ihr Bett und legte das Kopfkissen über den Kopf. Dann konnte sie heulen ohne das es einer mitbekam. Hier lebte sie doch. Kann das einer wegnehmen ?

Sie sprach mit der Mutti. Ernst hatte sie sie gefragt: „ Was sollen wir machen ?“ Als Gerdas Mutter den Brief sah, fing sie an zu weinen. Dann sprach sie mit Gerda über Alles. Das sie viele Schulden haben, dass sie nicht weiß wie es weiter gehen soll, dass sie zum Sozialamt gehen muss, aber was sollen denn die Nachbarn sagen, dass sie auf der Arbeit schon scheel angesehen wird, weil sie nicht mehr so oft zum Friseur geht und die Haare länger wachsen lässt. Gerda nahm leise ihre Mutti in den Arm. Dann weinten sie gemeinsam. Mutti versprach am nächsten Morgen zum Vermieter zu gehen. Gerda versprach ihr mitzukommen. Als sie am nächsten Morgen beim

Vermieter auf der Bank saßen, konnte Gerda sehen, dass es noch mehr Menschen gibt, die hier auf ein Gespräch warten. Junge und alte, gut angezogene Leute und welche, die Sachen anhatten, die schon älter waren. Bloss ein paar sahen aus, als hätten sie etwas Normales vor den meisten sah Gerda an, dass es denen nicht leicht gefallen war, hier zu sitzen und auf ein Gespräch zu warten. Sie sahen zum Boden oder auf die Lampen an der Decke. Wieder andere standen vor den Plakaten und Bildern an den Wänden, mit dem Rücken zu den Wartenden. Nach ein paar Minuten Warten ist sie dann mit ihrer Mutti rein gegangen. In dem Büro sitzen zwei Menschen. „Die gucken garnicht böse“, war Gerdas erster Gedanke. Sie hatte ihre Mutti an die Hand genommen und ist auf die Frau zugegangen. „Guten Tag“, alle grüßen, dann sagt die Frau zu Gerdas Mutti: „Setzen Sie sich doch.“ Gerdas Mutti sitzt nun in einem von den beiden Stühlen, die vor den Schreibtischen stehen, hinter denen die Frau an dem rechten Schreibtisch und der Mann an dem linken Schreibtisch sitzen. Auf den Schreibtischen von den beiden stehen die Monitore von den Computern, Telefone, Schreibutensilien und viele Papiere. Gerda spricht als erste, sie hat sich hinter ihre Mutti gestellt, beide Hände auf die Schultern, als wolle sie sie aufrütteln, und dann gesagt: „Wir wollen etwas tun, denn wir wollen unsere Wohnung behalten !“. Kein bißchen hatte ihre Stimme gezittert, obwohl sie sehr aufgeregt war. Der Mann hat Gerda freundlich angelächelt, aber die Frau hat ernst gefragt, ob sie denn Geld mitgebracht hat. Nein, das hatte Gerda nicht. Dann hat die Frau Gerdas Mutti angesprochen: „Warum sprechen sie nicht mit uns ? Es muss doch garnicht soweit kommen, dass sie aus der Wohnung geklagt werden müssen ?“

Gerdas Mutti überlegt: „Ja, warum bin ich hier nicht schon längst gewesen ? Die schenken mir zwar nichts, aber sie sprechen mit mir über Wege und Möglichkeiten, aus dem Problem wieder heraus zu kommen.“ Dann kommt ihre Antwort: „Ich habe mich geschämt. Es ist so peinlich darüber zu sprechen....“, nun schweigt sie wieder und Gerda legt ihre Hände tröstend auf ihren Arm, denn sie sieht, wie ihre Mutti damit kämpft, die Tränen nicht heraus zu lassen. Jetzt hat aber die Frau kein Mitleid. Ernst und energisch sagt sie: „Ich rufe jetzt beim Sozialamt an, die können ihnen helfen. Wenn das Geld, dass sie verdienen nicht reicht, dann finden die dort bestimmt eine Lösung für sie.“ Dann spricht sie mit dem Telefon. Da ist natürlich eine Person am anderen Ende der Leitung. Die Frau sagt den Namen von Gerda und ihrer Mutti. Dann erklärt sie alles, was in Gerdas Familie passiert ist und dass sie Hilfe brauchen. Dann nickt sie noch und sagt: „Tschüß“ und legt den Hörer wieder auf. „So“,sagt sie und schaut Gerdas Mutti in die Augen: „Sie gehen jetzt gleich zum Sozialamt. Frau Heine wartet auf sie. Sie weiß worum es geht und welche Probleme da sind. Sicher wird sie eine Lösung für sie finden. Seien Sie froh, dass ihre Tochter mit ihnen geht und sie gezwungen hat den Kopf nicht mehr in den Sand zu stecken. Sie müssen etwas tun ! Gerda, es ist gut so, dass du mit deiner Mutti los gegangen bist, mach weiter so, dann brauchst du nicht auf deine Wohnung zu verzichten. Komme ruhig wieder her wenn ihr beim Sozialamt alles erledigt habt, dann reden wir über das Geld, das jeden Monat bezahlt werden muss. “ Gerda und ihre Mutti verabschieden sich von den beiden Leuten, die hier für den Vermieter sprechen, Gerdas Mutti bedankt sich leise bei der Frau und sagt dann noch: „ Ich danke ihnen !“, mehr nicht. Dann gehen sie beide aus dem Büro. Wieder haben sich beide an die Hände gefasst und gehen jetzt direkt zu Sozialamt. Unterwegs sagt Gerdas Mutti zu Gerda: „Weißt du, ich habe mich so geschämt, aber jetzt ist mir schon ein bißchen besser und dass verdanke ich dir.“

Beim Sozialamt

Der lange graue Flur, mit den Stuhlreihen an den Wänden wirkt garnicht einladend. Gerdas Mutti sucht die Zimmernummer, die ihr die Frau beim Vermieter genannt hatte. Rechts und links sind die Zimmer, in denen die Leute vom Sozialamt sitzen und arbeiten. Manche kommen aus der einen Tür heraus und laufen, mit Papieren oder Akten in den Händen zu einer anderen Tür, um dort hinein zu verschwinden. Auf den Stühlen sitzen junge und alte Menschen, Frauen und Männer. Kinder, die spielen und Kinder, die noch im Kinderwagen schlafen. Auch ganze Familien konnte Gerda sehen. Die Väter sagen fast garnichts, während die Mütter miteinander sprechen, aus dem einen Büro Papiere holen und in das nächste gehen. Dann kommen sie auch bald wieder heraus, mit Geld in der einen Hand und Papieren in der anderen. Das konnte Gerda sehen, weil sie nun das Zimmer von Frau Heine gefunden hatten, aber es war besetzt und so mussten sie noch warten. Gerda konnte alle betrachten. Einige hatten Sachen an, die schon lange getragen wurden, andere hatten ganz moderne Sachen angezogen. Die Wartezeit haben sich alle irgendwie vertrieben. Zuerst alle Zettel gelesen, die an den Wänden hängen, auch da waren alte und neue bunt gemischt. Das sah man an dem Datum. Da waren Informationen dabei, die dem Leser sagten, wo er was beantragen kann und welche Formulare er ausfüllen muss und woher man die bekommt. Andere Zettel boten Hilfe an. Wieder andere Zettel sagten, wann das Sozialamt geschlossen ist und welcher Mitarbeiter für welche Aufgaben zuständig ist. Plötzlich piept es. Gerda schaut sich um. Da sitzen auch junge Leute, die habern ihre Telefone dabei und spielen damit. Gerdas Mutti sagt leise zu Gerda: „Das dauert jetzt schon 15 Minuten wolen wir nicht lieber später noch einmal hergehen ?“ Gerda entgegnet: „ Mutti, wir haben es der Vermieterfrau versprochen, dass wir gleich hierher gehen und so machen wir es jetzt !“. Ganz energisch hat sie es gesagt und ihre Mutti hat nur genickt und leise gelächelt. Dann sind sie ein bißchen enger zusammen gerückt und haben weiter gewartet. Jetzt ist am Eingang zum langen Flur lauter Lärm zu hören. „Der Hund bleibt draussen !“, ertönt eine laute Männerstimme. Die Eingangtür vom Sozialamt steht weit auf, ein Mann zeigt nach draussen und zwei andere Männer verschwinden aus dem Flur, an der Leine hinter sich einen grossen Schäferhund. Nun geht die Tür auf, hinter der Frau Heine sitzt. Da kommen zwei ganz junge Menschen heraus, sie sehen zufrieden aus und nicken uns zu. Aha, wir können jetzt hinein gehen. Gerdas Mutti musste viel und alles erzählen. Dann hat Frau Heine gesagt, dass sie eine Lösung finden kann. Für die Wohnung würden sie Wohnungsgeld bekommen. Den Antrag haben Gerda und ihre Mutti gleich bei der Wohngeldstelle beantragt. Da saßen auch freundliche Menschen an ihren Computern. Damit Gerda und die ganze Familie in ihrer Wohnung bleiben dürfen. Und die Schulden weniger werden. Die Schulden beim Vermieter und auch die anderen. Als Gerda und ihre Mutti wieder aus dem Sozialamt heraus gekommen sind, hat Gerdas Mutti ganz anders ausgegesehen. Erleichtert und zuversichtlich.

Sie sind dann noch öfter zu den Vermietern gegangen. Jedesmal hatte Gerdas Mutti vorher Geld abgehoben und beim Vermieter bezahlt. Mit der Quittung haben sie die beiden Leute vom Vermieter aufgesucht. Die haben dann gesagt, dass es ja vorwärts geht und wenn sie noch was helfen können, muss es Gerdas Mutti eben sagen. Sie sind dann eben doch noch zum Obdachlosenheim gegangen, wo ich sie getroffen habe. Sie haben Dieter besucht. Dieters Eltern haben es nicht geschafft, die Mieten zu bezahlen. Sie sind auch nicht zum Vermieter oder zum Sozialamt gegangen. Dieters Vati hatte lieber neue Sachen eingekauft, das ging mit dem Telefon und wenn dann die Rechnungen kamen hat er sie einfach weggeworfen. So mussten sie irgendwann hier einziehen.

ERKLÄRUNG DER WÖRTER



Obdachlosenheim
Hier wohnen die Menschen, die eine eigene Wohnung nicht mehr bezahlen können. Manchmal sind sie selber schuld, weil sie zu spät los gegangen sind, um Hilfe zu bekommen.

Brief
Gab es schon früher. Das sind Zettel aus Papier, die beschrieben werden. Man kann alles Mögliche schreiben, wie es einem geht und was man den anderen wünscht. Der Brief bei Gerda, der alles veränderte, kam vom Vermieter, da stand drin, dass Gerdas Familie nicht mehr in ihrer Wohnung bleiben dürfen, wenn sie nichts bezahlen.

Vermieter
Das sind die Leute, die die Häuser besitzen. Sie vermieten die Häuser und die Wohnungen an andere Leute, die dort wohnen wollen.

Sozialamt
Hier sitzen Menschen die für die Stadt arbeiten. Sie helfen Leuten, die kein Geld haben oder keines mehr verdienen oder aus allen möglichen anderen Gründen, nichts oder zuweinig bezahlen können. Den Auftrag dafür haben sie vom Staat bekommen. Da gibt es Gesetze.

Formulare
Die müssen ausgefüllt werden. Auch Papi muss das tun. Alle Sachen müssen eingetragen werden, bestätigt und unterschrieben. Papi stöhnt immer, wenn er welche sieht.

He Du da! Ja Du da! Komm wir machen was zusammen.
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